21.12.2011

Hey,

so, jetzt freue ich mich, endlich auf deinen Brief zu antworten. Oh, ich habe mich echt voll gefreut, von dir zu hören, ey, vielen Dank für die Briefmarken und Kuverts, die nehme ich für meinen Sohn. […] Bevor ich zu deinem Brief komme, also, ich erzähle mal kurz von mir. Ich heiße Sam, bin 46 (ich hoffe, du wirst jetzt nicht ohnmächtig), habe einen Sohn, er wird im März 15. […] Ich bin seit Mai 2010 in Haft, zuerst war ich in Untersuchungshaft in Bühl und seit 17. Februar bin ich hier in Schwäbisch-Gmünd und unser Leben ist seitdem eine einzige Katastrophe. Ich sitze bzw. wurde verurteilt wegen „Verdacht auf Betrug, erwerbsmäßig“. F. und J. waren bei meiner Verhandlung auch, das war ein einziges Desaster.
Tja, du schreibst, ich soll mich frei fühlen, das ist so eine Sache, weißt du, hier wird jeder einzelne Buchstabe genau gelesen, ich habe F. auch schon die Zustände von hier geschildert und tatatata, die Post kam nicht an, ich nehme an, bei J. ist meine Post auch ab und zu ganz zufällig nicht angekommen.
Ach so, ich wurde zu 2 Jahren und 6 Monaten verurteilt und bekam einen Bewährungswiderruf von 2001-2003 von 2 Jahren, das heißt, sie haben mir jetzt 4,6 aufs Auge gedrückt. Ich schreibe und mache und tue wegen dem Bewährungswiderruf, aber ich denke, ich habe verloren. Ja, mein Sohn und ich haben alles verloren, ich fand niemanden, der unsere Wohnung hätte räumen können, dann wurde alles weggeworfen, ja, unser ganzes Leben, nur ein paar Papiere haben wir noch bekommen, Bilder, und nicht mal alle Klamotten. […]
Das mit dem Besuchen klappt, seit ich hier bin, auch ganz selten. […]
Schön zu lesen, dass du so vielen Leuten schreibst, ich schreibe auch gerne und interessiere mich dafür, wie es anderen geht, obwohl ich ja selber genug Sorgen habe. […] Aber schreiben ist echt schön und Post bekommen noch viel mehr, hier wartet man ja jeden Tag darauf, naja, man hat ja hier auch keine Freuden, die einzige ist, Post zu bekommen, Besuch, falls man mal welchen kriegt, und für mich noch, dass ich zur Arbeit gehen kann. Dann ist aber auch schon Ende. […]
Ey, du bist voll nett, das mit dem Buch, muss ich mal nachdenken, aber vielen Dank für das Angebot, an was ihr Knastkritischen alles denkt, ihr seid echt toll, muss ich dir mal sagen. […]
Berlin ist ’ne coole Stadt, ich schaue zur Zeit immer „Berlin Tag und Nacht“. Du hast schon tolle Interessen und Hobbies, ich liebe auch gutes Essen und Obst und beides gibt es hier nicht :( .[…]
Dass du mir viel Power wünschst, ist schön, aber das mit dem Power hier, naja, dat is hier schon ein Problem, man hat hier alles, aber definitiv keine Power.
Nun noch zu deinem Brief, den ich am Samstag erhielt, Samstags ist es immer schön, wenn man Post bekommt, weiß nicht, warum, aber da wartet man irgendwie am meisten auf Post. Du, vielen Dank für die Briefmarken. Danke auch für das Schreiben über deine Projektvorstellung. Themen würde es bestimmt massig geben, malen bin ich nicht so der Chief, schreiben ja, aber ich […] weiß gar nicht, wie ich das alles formulieren oder schreiben soll. Aber du kannst dir was von meinen Briefen, wenn du was Brauchbares findest, rausziehen und mein Elend schildern. […]
Ich habe heute wieder was erlebt beim Arzt, dieser Herr (große Zweifel, dass er ein Arzt ist) treibt mich in den Wahnsinn. Ich hatte 2003 zwei schwere Bandscheibenvorfälle, seitdem nehme ich ein Medikament, wenn ich dieses nicht nehme, habe ich große Schmerzen und jede Nacht Lähmungserscheinungen an der kompletten rechten Seite.
Der Arzt hier macht, was er will, er setzt einfach die Tabletten ab, ist immer sehr unverschämt und bösartig. Heute musste ich hingehen, weil er mir drei Wochen lang anstatt dieser Medikamente einfach Kopfschmerztabletten gegeben hatte.
Auf alle Fälle ging ich heute zu ihm, um ihm mal wieder die Meinung zu geigen. Sagte ich: Ich habe große Schmerzen. Er: Machen Sie Sport. Ich: Ich mache Sport, soweit es die Möglichkeiten hier zulassen. Dann sagt dieser Stinker zu mir: Sie sind faul. Ich: Hallo, wie sprechen Sie mit mir, das verbitte ich mir, geht’s noch? Er: Sie sind faul. Ich: Was wollen Sie von mir, ich stehe 32 Jahre im Arbeitsleben, ich arbeite hier ohne Unterbrechung, selbst wenn ich krank bin. Er: Sie arbeiten ein paar Stunden am Tag. Dann hat sich die Sprechstundenhilfe eingeschaltet: Also Herr Doktor, jetzt ist’s mal gut. Dann sagte ich: Ich will eine Überweisung zum Orthopäden draußen, damit der mich mal wieder richtig durchchecken und mich mit den Medikamenten richtig einstellen kann. Sagte er: Nein. Ich: Doch. Er: Nein. Und, was willst du dagegen machen? Hm, nix. Supa!
Wieder Schmerzen, wieder schlaflose Nächte. Weiterhin mit stechenden Schmerzen zur Arbeit für 1,53 Stundenlohn.
Ich kann nicht mehr.
Keiner macht was, und niemanden interessiert’s.
Jo, ich werde jetzt noch was backen, damit ich mal wieder auf andere Gedanken komme.
[…]
Freue mich auf deine Post,
bis bald, es grüßt Dich herzlichst
Sam