30. November 2011: telefonisches Interview mit einem kongolesischen Mann, der im Gefangenenlager 127bis einsitzt.

Er ist der Sohn eines politischen Gegners, der 1998 ermordet wurde. Er floh aus der Demokratischen Republik Kongo (DRK) mit seiner gesamten Familie. Seine Mutter und sein ältester Bruder waren 20 Jahre lang in Belgien. Er floh zuerst nach Nigeria und zog seitdem zwischen verschiedenen afrikanischen Ländern umher. Er hat zwei Asylanträge gestellt. Falls er in die DRK zurückkehrt, riskiert er sein Leben und er hat überhaupt keine Verbindungen zu Marokko.
Als er am 29. November seinem vierten Abschiebungsversuch unterzogen wurde, wurde er von zehn Polizist_innen eskortiert, die ihn dem marokkanischen Militär im Flugzeug übergeben sollten. Er weigerte sich ins Flugzeug einzusteigen und die Soldat_innen behandelten ihn grob.
Sie sagten ihm: „Wenn du nicht auf den Platz gehst, kommst du ins Gefängnis und wir setzen dich in der Wüste aus.“ Ihr Verhalten bestärkte seine Angst davor, wie er behandelt würde, wenn er in Marokko endete.
Dieses Ereignis fand in Gegenwart der belgischen Polizei statt, die nichts dazu sagte. Nach seiner Weigerung, auf seinen Platz zu gehen, wurde er von der belgischen Polizei zurück in das Lager 127bis gebracht. Weitere Abschiebungsversuche werden folgen.

Ich kam wegen dem Tod meines Vaters nach Belgien. Er war ein Politiker und wurde dafür getötet. Meine Mutter ist hier in Belgien und meine Brüder und Schwestern ebenfalls. Sie haben alle ihre Papiere seit 20 Jahren. Ich ging zu 127, um Asyl zu fordern, aber sie verweigerten es mir. Als Ergebnis brachten sie mich in das Lager 127bis, damit sie mich rückführen konnten. Obwohl ich aus der DRK komme, sagten sie, dass sie mich nach Casablanca zurückschicken werden, weil ich von dort nach Belgien geflogen bin. Also war es das letzte Land, auf das ich einen Fuß gesetzt hatte.

Als sie es das erste Mal versuchten, weigerte ich mich. Beim zweiten Mal versuchten sie mich zu zwingen. Beim dritten Mal ließen sie mich mich ausziehen. Zwei Polizist_innen standen vor mir, es waren auch noch vier oder fünf von ihnen hinter einen kleinen Tür. Ich hörte eine Frau sagen: „Er ist ganz schön fett, oder?“ Ich dachte: „Machst du deine Arbeit oder schaust du meinen Körper an, damit du mir sagen kannst, dass ich fett bin?“

Ich zog meine Sachen wieder an und sie versuchten mich erneut abzuschieben. Sie hatten alles, was sie brauchten, um mir weh zu tun, um mich dazu zu bringen, das zu tun, was sie wollten.

Sie ließen mich gehen und sagten: „OK, aber nächstes Mal werden es die Marokkaner sein.“

Gestern sagten sie: „OK, du willst nicht gehen, aber du musst im Rückführungs-Warteraum warten.“ Ich war dort 3 Stunden lang! Sie kamen zurück und sagten mir: „Weißt du, heute ist kein guter Tag für dich. Du musst zurückgehen, denn wenn nicht, wird es schwierig mit den Marokkanern. Du weißt, wie Araber sind, nicht wahr? Du weißt, dass es hart sein wird? Die sind nicht so wie die Belgier!“
Sie sagten: „Hör zu, wir werden dir Handschellen anlegen und dich der marokkanischen Polizei übergeben.“ Ich stieg ins Auto und die Marokkaner_innen kamen, um mir zu sagen: „Du musst verschwinden. Wir sind Zivilistene. Du solltest mit uns kooperieren, denn wenn du das nicht tust, wird die Polizei kommen und Handschellen an deine Hände und Füße anlegen.“
Ich sagte: „OK, keine Problem.“
Ich stand sehr langsam auf und ging weiter genau auf das Flugzeug zu. Zwei Schritte vor der Tür hielt ich an und fragte: „Wo ist der Pilot?“
Sie sagten: „Nein, du musst gehen. Es lohnt sich nicht nach ihm zu suchen. Du musst gehen!“
Sie drängten mich, aber ich leistete Widerstand. Es waren jetzt 10 Männer um mich!
Ich habe im Gefangenenlager viele Menschen mit Verletzungen gesehen als Folge davon, dass ihre Hände und Füße während der Abschiebeversuche gefesselt wurden. Gebrochene Hände und Zähne zum Beispiel. Manche hatten sogar ihre Münder mit Klebeband verklebt.

Die Marokkaner_innen schubsten mich herum. Die belgischen Polizist_innen sagten mir: „Versuchst du, uns in Schwierigkeiten zu bringen?“ Ich leistete weiter Widerstand, bis jemand, der ein Polizeikommissar zu sein schien, sagte: „Stop. Ihr seid nicht in der Lage, diesen Mann mitzunehmen, also kann er nicht gehen!“

Also gingen wir zurück in das Büro. Trotzdem macht es mich traurig, sagen zu müssen, dass ich mich jetzt einem neuen Kampf stellen muss. Wenn ich gewinne, kann ich in Belgien bleiben, wenn ich verliere, werde ich in Marokko enden.

Auf Englisch, Französisch und Niederländisch veröffentlicht auf gettingthevoice.wordpress.com