(1)

28.12.2011

Hallo an alle, ich heiße Aymene und bin 1979 in Tunesien geboren. Ich werde in der Haftanstalt von Saluzzo festgehalten. Ich schicke Euch viele gute Wünsche fürs neue Jahr. Heute habe ich die Broschüre von den Freunden von Olga bekommen und Eure Anzeige gelesen. Wenn es möglich ist, hätte ich gern, dass die ganze Welt meine Geschichte erfährt. Ich bin wirklich wütend über die vollkommene Gleichgültigkeit der italienischen Regierung gegenüber uns Ausländern. Wisst ihr, ich sitze seit vier Jahren im Knast, meine Familie ist sehr arm. Wir sind 2002 angekommen und sind fast alle im Knast gelandet und sie haben mich wirklich fertig gemacht. So ist die Demokratie, so wird das Menschenleben zerstört. Ich würde Euch gern, wenn es geht, um ein paar Kleider gegen die Kälte bitten, ich trage Größe 54 und Schuhgröße 43. Ich bin wirklich
sehr allein, sehr müde, ich wünsche mir Unterstützung, dass ihr wie eine Familie für mich werdet. Ich habe viel zu erzählen.

Erstens schicke ich Euch aus Gründen der Gerechtigkeit meine Strafauflistung, damit ihr die beschämenden Urteile sehen könnt. Acht Jahre und drei Monate für Artikel 13, Erpressung. Wisst ihr, warum sie mich fertig gemacht haben? Ich erinnere mich, dass ich ohne irgendeine Schnittwunde aus meinem Herkunftsland kam, jetzt bin ich ganz und gar zerschnitten. Ich schicke Euch jetzt die Dokumente meines Urteils und ein Foto von mir. Ich bin der Junge mit der Brille.

Herzliche Grüße, ich warte auf Neuigkeiten,
Aymene

(2)

Hallo an alle, ich bin Aymene. Ich komme aus Tunesien. Seit dem 24.1.2008 befinde ich mich in diesem Scheißknast. Dies ist in 10 Jahren das dritte Mal im Gefängnis. Ich bin nicht hier, um das, was geschehen ist, zu bedauern. Im Gegenteil, ich würde es noch 1.000, noch 10.000 Mal tun, um die Existenz von Solidarität mit denen, denen es schlechter geht als mir – der ich nicht der sozialen Gruppe angehöre, die die Herren der Stadt „Marginalisierte“ nennen – zu verteidigen.

Was die jetzige Situation angeht, muss man sagen, dass sie miserabel ist: Nichts, auf das wir ein Recht haben, funktioniert, angefangen mit den 6 Stunden pro Woche, die wir uns mit Pädagogen, Psychologen, Pflegern treffen sollen. All dies bringt Nervosität, Veränderungen in vielen, mich eingeschlossen. Post ist eine besonders wichtige Sache. Ich schreibe schon mit zwei Freunden hin und her, doch ich möchte auch mit anderen, die Lust darauf haben, Briefe austauschen. Auch weil dies eine Form der psychologischen Flucht ist. Geldmäßig geht es noch schlechter und Einkäufe werden immer teurer.
Einen Gruß mit geballter Faust Anacopunx Aymene
Freiheit für alle sofort… Brennt die Knäste nieder, brennt alle Staatslager nieder.
In meinem kleinen Fenster sehe ich Menschenmassen, Bäume, die für mich lächeln und weinen.
In meinem kleinen Fenster sehe ich, dass Gerechtigkeit nicht quadratisch ist.
Und ich tue so, als wäre nichts.
In meinem kleinen Fenster sehe ich Dein großes Fenster .
Einen Gruß an alle, die die Welt und den Rassismus ändern wollen.

Ciao
Aymene

übersetzt von Victoria

---

Maazouni Aymene
Via Regione Bronda 19/Bis
12037 Saluzzo (Cuneo)
Italia

Aymene spricht Italienisch und Arabisch, aber ihr könnt es auch in anderen Sprachen versuchen, er kann sich vielleicht eine Übersetzung durch andere Gefangene organisieren.