Als Gefängnisinsasse mit starken Überzeugungen und anarchistischen Ideen kann ich das Phänomen der Gefängnisse nicht auslassen, das nichts anderes als Faschismus ist. Begünstigt wird es durch die Gefängnisleitung. Vielleicht beginne ich aber beim Anfang. Es nennt sich „Grypsowanie“ (von Geheimbotschaften, A. d. Ü.) und ist eine Subkultur in Gefängnissen, von der man nicht weiß, seit wann es sie gibt, es ist aber sicher , dass es zu Zeiten des Kommunismus eine sehr große Gruppe von Menschen war. Sie kämpften gegen das „Gefängnis-Regime“ für bessere Bedingungen, besseres Essen, für bessere Gesetze, die verletzt wurden. Eine Gruppe von Menschen kämpfte. Es gab zahlreiche Aufstände in den polnischen Gefängnissen bis in die späten achtziger Jahre. In dieser Zeit von 20 und noch mehr Jahren verwandelte sich diese Widerstandsbewegung in nichts anderes als Faschismus. Ich sitze seit 14 Jahren im Gefängnis und beobachte dieses Phänomen jeden Tag. Diese Personen der „Grypsowanie“, die sich als eine informelle Gruppe, als Subkultur begreifen, die für eine gute Sache stehen, verstecken sich hinter einer Fassade. Sie haben sogenannte Grundsätze und eine Führung, die die anderen Häftlinge (nicht aber Mitglieder der Grypsowanie) terrorisiert, sie diskriminiert, demütigt, beraubt, sie nicht von „ihren Tischen aufstehen lässt“. „Grypsowanier“ haben eine Reihe von Prinzipien, beispielsweise (be)grüßen sie keine anderen, sie essen nicht am Tisch, sie verwenden keine gewöhnlichen Dinge, nicht zu sprechen vom Essen und Trinken, wozu sie nur eine Schüssel oder ein Glas verwenden. Das ist eine kleine Gruppe von Menschen, vor allem in den Gefängnissen. Es ist eine Gruppe, die andere als Untermenschen bezeichnet, die andere selektiert und vollkommen verachtet. Es ist eine sehr geschlossene Gruppe (eine Clique), bestehend aus wenigen Personen. Die Gefängnisbehörden unternehmen nichts dagegen und entscheiden sogar zu ihren Gunsten. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

Als erstes können sie, rechtlich gesehen, nichts gegen die Existenz dieser Gruppe machen. Die Gefängnisleitung behauptet, dass es keine Probleme gebe. Mit Hilfe von Informanten in dieser Gruppe wissen sie jedoch alles. Sie wissen, was passiert, wer kombiniert, wer plant, wer was tut, ob es Drogen gibt, einfach alles, was ihnen nützlich erscheint. Offiziell gibt es keine Informanten in dieser Gruppe, aber dennoch gibt es sie und die Gefängnisleitung weiß über alles Bescheid. Mit niemandem können sie zusammenarbeiten, sie ängstigen sich davor, dass die Gruppe viele zum Hungerstreik oder einem anderen Aufstand überreden könnten. UND SIE wollen für Ordnung sorgen.

Ich nehme an, wenn es so einen Aufstand gegen die Leitung geben würde (was eher selten ist), müssten sich alle aus dieser Gruppe beteiligen. Doch das wäre sehr gefährlich. Die Gefängnisleitung hält sich an eine Reihenfolge. Sie haben gewisse Methoden, beispielsweise nehmen sie zwei Personen der Gruppe, in der Regel große „Schränke“ mit „hässlichen“ Köpfen und schlechtem Charakter und einen, der nicht der Gruppe angehört, der für sie belastend ist, der eine Beschwerde schreiben möchte oder einfach nur sitzt und keine Ansprüche hat. Sie geben ihm diese zwei, um ihn zu besänftigen, damit er ruhig wie ein Lamm wird. Es ist eine Erlaubnis für alles, um sich keine blauen Flecken zu holen. Das bedeutet Missbrauch, Schläge oder dass das Essen weggenommen wird, waschen zu müssen, putzen zu müssen – psychischer Missbrauch! Das alles mit Billigung. Es nennt sich „Erziehungszelle“. Die Leitung weiß das auch, jemand begibt sich in diese Zelle, blickt auf die Charaktere, auf die Persönlichkeit der Menschen. Wenn sie sehen, dass irgendjemand nicht will wie sie und es vielleicht zu einer Tragödie kommen wird, haben sie andere Methoden, um die „Gäste“ ruhig zu stellen.

Zuletzt erschütterte mich der Vorfall meines Kumpels, sie brachten ihn in eine andere Abteilung, wo es unbequem war, wo alles zu viel für ihn war. Er traf auf solch eine Zelle, er wurde gequält, gezwungen, in der Toilette zu essen, sie brachten ihn um den Verstand. Die Liste der Torturen und des Terrors ist lang. Alles passierte unter den Augen der Behörden. Der Junge hielt es nicht mehr aus, er war psychisch am Ende. Er kam dann in den Bereich, in dem ich jetzt bin. Das war kein Mensch mehr, in drei Monaten haben sie aus einem normalen Menschen ein menschliches Wrack gemacht, dünn, verwahrlost, anteillos, ein kraftloser Mensch, der mich nicht erkannte. Er sitzt seit sieben Jahren, bis zum Ende der Strafe verblieben ihm drei Monate. Am Ende seiner Haftstrafe haben sie ihn fertig gemacht.

Jetzt haben sie ihn schnell in die Abteilung für Menschen, die verrückt geworden sind, geschickt. Er bekommt dreimal täglich Medikamente. „Was denn, du bist verrückt?“ sagen seine Mutter und seine Familie, wahrscheinlich hat er psychotropische Substanzen oder Drogen genommen. Sie werden einen Eintrag in die Akte machen, dass er Drogen genommen habe und die Sache ist „vom Tisch“. In dem Bereich für „Verrückte“ gibt es auch sogenannte „Erziehungszellen“, hier wird ebenfalls aufgeführt, wie sein Zustand sich (scheinbar) verbessert. Vor kurzem gab es einen weiteren Fall, einer wurde zu hart geschlagen – ein Schnitt an der Wange, eine Ohrfeige, Prellungen. Der Fall aus dem Büro muss mit Schlägen eingeleitet worden sein. Der Provokateur hat zu einem langen Gespräch aufgefordert und dann allen mitgeteilt „Mach dir keine Sorgen. Du schreibst, dass er sich mit einer Rasierklinge auf dich gestürzt hat und dir an den Hals wollte. Aus Notwehr musstest du ihn schlagen.“ Und das war in dem Bereich für „Verrückte“. Was denn?! Verrückte?

Diejenigen, die sich „Grypsujacy“ nennen und faschistische Hauptmerkmale aufweisen, arbeiten natürlich nicht umsonst. Sie haben Anreize, Vergünstigungen, etwa häufigere Pakete, können häufiger telefonieren – fast täglich, außerdem genießen sie eine Reihe von Privilegien und Sonderrechten, das alles in vollem Ausmaße. Alles geschieht heimlich, als wenn nichts wäre.

Vor Kurzem hörte ich eine Zurechtweisung von den Erziehern. „Ach, Kontakte zu Anarchisten, Briefe, dem werden wir ein Ende setzen müssen“. Inzwischen breitet sich hier Faschismus aus. Nun gut. Ich bin hier, ich kämpfe und werde, solange ich die Kraft habe, bei „gesundem Verstand“ bleiben.

Ich danke allen, die mich unterstützen und mir Kraft geben. Dank euch allein habe ich die Kraft, um mich IHNEN zu widersetzen!

Der Kampf geht weiter

Artek

P.S. Ich habe von Gerüchten erfahren, dass mein Freund durch Drogen verrückt geworden ist. Im Durchschnitt gibt es in polnischen Gefängnissen alle zehn Tage einen Selbstmord. Ich frage mich, wie viele sich in dem wiederfinden, was ich geschrieben habe, und wie viele durch Drogen den Verstand verloren haben.

Artur Konowalik
Zakład Karny
Załęska 76
35-322 Rzeszów
POLAND

Der polnische Originaltext wurde am 30.5.2011 vom Anarchist Black Cross (Anarchistyczny Czarny Krzyż) Poznań veröffentlicht.

übersetzt von Jannik